Naturschutz ist eine komplexe Aufgabe

Was haben Ameisen, Motorsägen und das Flasland Reichental gemeinsam? Mehr, als man vermuten würde, denn moderner Naturschutz geht oft überraschende Wege. Das Flasland, auch Flachsland genannt, ist eine parkartige, historische Waldweide und Wiesenlichtung oberhalb von Reichental. Yannik Teiwes, Trainee beim Forstamt des Landkreises Rastatt erläutert unter anderem an diesem Beispiel, weshalb unsere artenreichsten Lebensräume ohne den Menschen vielerorts gar nicht existieren würden.

Das Foto zeigt eine Eiche im Flasland Reichental im Gegenlicht der Sonne. Foto: LRA/Yannik Teiwes
Eiche im Flasland Reichental (Foto: LRA/Yannik Teiwes)

Wer an Naturschutz denkt, verbindet damit ganz unterschiedliche Bilder. Sei es der Waldputztag, bei dem Freiwillige wilden Müll sammeln, oder der Protest gegen ein Bauprojekt, bei dem ein Stück Natur verloren geht. Solche Aktionen können wertvollen Lebensraum schützen. Doch Naturschutz bedeutet nicht nur den Menschen aus der Natur herauszuhalten. Viele heute gefährdete Tier- und Pflanzenarten sind auf Lebensräume angewiesen, die erst durch menschliche Nutzung entstanden sind.

Seit Jahrhunderten prägt der Mensch die Landschaft Mitteleuropas. Wälder, Wiesen und Felder wurden intensiv bewirtschaftet, um Getreide, Holz, Milch oder Fleisch zu produzieren. Zahlreiche Arten haben sich über diesen Zeitraum an die so geschaffenen Lebensräume angepasst. So auch das Auerhuhn. Es benötigt lichte, strukturreiche Wälder mit Freiflächen und reichlich Bodenpflanzen wie der Heidelbeere.

Intensive Waldbewirtschaftung

Solche Wälder wurden historisch durch eine besonders intensive Waldbewirtschaftung begünstigt: Vieh weidete zwischen den Bäumen, Laub und Nadeln wurden als Einstreu für den Stall gesammelt und Holz wurde im Kahlschlag geerntet. Biotoppflege für das Auerhuhn bedeutet heutzutage deshalb auch, jungen Wald zu entfernen oder in älteren Waldbeständen besonders viel Holz zu entnehmen. „Bäume fällen, statt zu pflanzen für den Naturschutz. Das fühlt sich komisch an, zeigt aber wie komplex Ökosysteme sind“, erläutert der Forstwirt.

Im Offenland verhält es sich ähnlich. Bunte Blumenwiesen, nährstoffarme Magerrasen oder Heideflächen erscheinen vielen Menschen als ursprüngliche Natur. In Wirklichkeit sind sie meist das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung. Werden solche Wiesen nicht mehr gemäht oder beweidet, wachsen dort Büsche und Bäume und aus der Wiese wird langsam wieder Wald. Für zahlreiche hochspezialisierte Arten ginge damit aber Lebensraum verloren. Gerade von kurzgefressenen Wiesen profitiert zum Beispiel der Wiesenknopf-Ameisenbläuling.

„Wer ein besonders schönes Beispiel für ein hochwertiges menschengemachtes Offenland-Biotop sehen möchte, kann das Flasland bei Reichental besuchen. Hier stehen 300 Jahre alte Eichen auf einer Waldwiese, die früher als Schweineweide genutzt wurde. Heute wird diese Wiese zweimal im Jahr gemäht, um den Lebensraum für eine Vielzahl von Vögeln und Fledermäusen offenzuhalten“, wirbt Forst-Trainee Teiwes für einen Besuch.

Menschengemachter Klimawandel

Doch auch zu intensive Nutzung in Form von Überdüngung, zu viel Beweidung oder der falsche Mahd-Zeitpunkt können dem Ameisenbläuling schaden. Und der Lebensraum des Auerhuhns ist auch der Forstwirtschaft des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen, als die Holzvorräte stiegen und der Wald dichter und dunkler wurde.

Mensch und Natur stehen nicht im Ausschlussverhältnis zueinander. Der Mensch ist Teil von ihr und gestaltet sie mit. „Moderner Naturschutz bedeutet deshalb häufig nicht Natur einfach Natur sein zu lassen, sondern eine Bewirtschaftung, die auf die Bedürfnisse gefährdeter Tier- und Pflanzenarten Rücksicht nimmt. Das ist hochkomplex und darf gleichzeitig die Kapazitäten der Bewirtschafter nicht überfordern“, meint Yannik Teiwes.

Die größte Bedrohung für unsere Ökosysteme bleibt jedoch der menschengemachte Klimawandel. Er verändert in einem halben Jahrhundert Rahmenbedingungen, an die sich Flora und Fauna in tausenden von Jahren angepasst haben. Extreme Hitze, Trockenheit und Sturm setzen den Lebensräumen weiter zu. Aber es gibt auch positive Erkenntnisse: Die Bundeswaldinventur von 2022 stellt weiterhin eine kontinuierliche Entwicklung zu naturnahen, vielfältigen und hochwertigen Mischwäldern fest, die den nachhaltigen Rohstoff Holz produzieren und den Menschen einen Ort zur Erholung bieten.

(Erstellt am 22. September 2026)